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  • Linus Graber
  • 15. Nov. 2025

Psychologisches Kino der Extraklasse – Mit fünf Filmen in 26 Jahren ist das Gesamtwerk der schottischen Regisseurin zwar überschaubar, hat es allerdings ganz schön in sich.



Vor einer Woche startete Lynne Ramsays neuster Film «Die My Love» in den Deutschschweizer Kinos. Wie alle ihre Werke ist auch ihr fünfter Spielfilm alles andere als konventionell. Im Zentrum ihrer Geschichten stehen Figuren, die nicht immer sofort erschliessbar sind und die Zuschauer zu Beginn vielleicht vor den Kopf stossen. Diese Existenzen, ihre Gefühlswelten und Umgebungen zu erschliessen, ist Ramsays Stärke. Ihre Filme sind traurig, aber nie strafend, und eröffnen immer wieder neue Perspektiven. 30 Jahre nachdem ihr Kurzfilm «Small Deaths» in Cannes einen Preis gewonnen hat, ist ihre Filmographie mit fünf Werken sehr überschaubar. Sie wählt ihre Projekte mit Bedacht – und das zeigt sich auch. Einen schlechten Film hat sie meiner Meinung nach bisher noch nicht gemacht. Ein persönliches Ranking:


  1. Die My Love (2025)



«Die My Love» ist wie bereits erwähnt Lynne Ramsays neuester Film und basiert auf dem gleichnamigen Bestseller. Der Film folgt einer jungen Mutter, die mit ihrem Mann in ein abgelegenes Haus zieht und infolge postpartaler Depressionen immer mehr in psychotische Zustände hineinfällt. Für den Film holte sich Ramsay Jennifer Lawrence ins Boot, oder besser gesagt bekam Jennifer Lawrence das Buch von Martin Scorsese geschickt, und diese wollte, dass Ramsay es verfilmt. Und nach anfänglichem Zweifel entschloss sich Ramsay, das Projekt umzusetzen. Zwar würde ich «Die My Love» als ihren schwächsten Film bezeichnen, nichtsdestotrotz ist er einer meiner Favoriten dieses Jahres. In schwindelerregenden Montagen folgen wir Jennifer Lawrence in den Wahnsinn. Ihr Handeln, so verrückt es auch sein mag, können wir dabei meist nachvollziehen. Gegen das Rollenbild und die Erwartungen, die ihr als junge Mutter von der Aussenwelt und ihrem Mann (Robert Pattinson) auferlegt werden, versucht sie mit der letzten ihr noch verbleibenden Handlungsmacht anzukämpfen, bis sich irgendwo die Grenze zwischen Realität und Einbildung allmählich verwischt. Ein zugegeben anstrengender Film, der manchmal etwas zu vage bleibt, dennoch Lynne Ramsays ganz persönliche Handschrift trägt.


  1. We Need to Talk About Kevin (2011)



Wie geht man damit um, wenn das eigene Kind zum Massenmörder wird? Und was macht das mit einem? Diese schwierigen Fragen stellt sich der Film «We Need to Talk About Kevin». Ebenfalls basierend auf einem Bestseller handelt der Film von Eva (Tilda Swinton), einer ehemaligen Journalistin für ein Reisemagazin, welche Schwierigkeiten hat, ihrem erstgeborenen Kind gegenüber, Kevin (Ezra Miller), Gefühle entgegenzubringen. Der Film macht von Beginn an klar, dass Kevin an seiner Highschool etwas Schreckliches angerichtet hat. Was er genau gemacht hat, erfährt man allerdings erst im Laufe des Films, denn der Film spielt in verschiedenen Zeitebenen. So sehen wir Eva etwa als glückliche Journalistin, bevor sie Mutter wurde, als Verstossene nach dem Verbrechen ihres Sohnes, und als Beobachterin und Opfer des zunehmend psychopathischen Verhaltens, das Kevin im Laufe seines Aufwachsens entwickelt. Die Struktur funktioniert unglaublich gut und bewirkt, dass der Fokus weniger auf der sich anbahnenden Katastrophe liegt und der Film sich stattdessen mehr mit der Gefühlswelt und den psychologischen Implikationen für die Mutter auseinandersetzt. Statt das Publikum mit Gewalt zu schocken, schaut Ramsay auf die Figuren, die hinter solchen Tragödien stehen.


  1. Morvern Callar (2002)



Am Weihnachtsmorgen entdeckt Morvern Callar (Samantha Morton) ihren Freund mit aufgeschnittenen Pulsadern leblos auf dem Boden ihres gemeinsamen Apartments. In einem Abschiedsbrief bittet er sie, seinen unveröffentlichten Roman an Verleger zu schicken. Das tut Morvern Callar auch, allerdings unter ihrem eigenen Namen. Und als der Roman tatsächlich einen Käufer findet, entschliesst sie sich mit ihrer Freundin nach Ibiza zu gehen. Was zugegeben wie ein sehr makaberer Einstieg in eine Handlung klingt, verwandelt sich unter Ramsays Regie in eine unaufgeregte, aber empathische Betrachtung einer vom Leben desillusionierten Frau. Morvern Callars Reaktion und ihre Handlungen nach dem Selbstmord ihres Freundes mögen im ersten Moment befremdlich wirken. Im Verlauf des Films beginnen wir allerdings, uns in ihre Gefühlswelt hineinzuversetzen, bzw. in das, was wir in ihre Handlungen reininterpretieren. Denn der Film erklärt wenig. Mit Bildern von erstickenden Partyszenen, massiven Hotelblöcken auf Ibiza und kalten Supermärkten in Schottland vermittelt der Film eine Atmosphäre zum Anfassen. Ein einzigartiges Werk – zugleich trist und lebensbejahend – das den Zuschauer mit ambivalenten Gefühlen zurücklässt und allein schon deshalb lange im Hinterkopf bleiben wird.


  1. Ratcatcher (1999)



Ihr Debüt gab Ramsay mit dem Coming-of-Age-Drama «Ratcatcher». Der Film folgt dem zwölfjährigen James (William Eadie) der mit seiner Familie in einer heruntergekommenen Hochhaussiedlung in Glasgow lebt. Wegen eines Streiks der örtlichen Müllabfuhr stapelt sich in den Strassen der Abfall, was immer mehr Ratten anlockt. Obwohl dieser Umstand nicht direkt in die Handlung eingreift, so ist er verantwortlich für den Titel des Films und steht sinnbildlich für das Leben der Menschen, mit denen James aufwächst. «Ratcatcher» zeigt eine Unterschicht, gefangen im eigenen Müll. Wie in vielen von Ramsays Filmen geht es auch in ihrem Erstlingswerk um Sehnsucht. Die Figuren, mit denen James täglich interagiert, wollen eigentlich woanders hin. Seine Familie erhofft sich eine bessere Wohnung und James nimmt regelmässig den Bus aufs Land, wandert durch Baustellen von Häusern mitten in goldenen Ährenfeldern und sehnt sich dorthin. Wenigen gelingt dieser Ausbruch, und manchmal endet er auch im Tod. «Ratcatcher» demonstrierte früh Ramsays Können, Figuren am Existenzminimum realitätsnah zu porträtieren, ohne sie auszustellen oder zu romantisieren. Durch die Augen eines Zwölfjährigen sehen wir eine Gesellschaft ohne Zukunft, die trotzdem träumt und weiterlebt.


  1. You Were Never Really Here (2017)



Joaquin Phoenix spielt den traumatisierten Veteranen Joe, ein ehemaliger FBI-Agent, der entführte Mädchen und Frauen aufspürt und zu ihren Familien zurückbringt. Er soll die minderjährige Tochter eines Senators aus einem Bordell befreien, in das sie entführt wurde. Während des Auftrags merkt Joe allerdings, dass weitaus mächtigere Akteure in den Sexhandel von Minderjährigen involviert sind, als ihm mitgeteilt wurde, und seine Welt beginnt um ihn herum zusammenzubrechen. «You Were Never Really Here» ist ein Film, der sich in die tiefsten Abgründe des menschlichen Daseins wagt. Wo andere Filme aber an dieser Thematik scheitern würden – daraus einen billigen Horrorschocker oder ein taktloses Verschwörungsdrama machen würden – gelingt es Ramsay, all diese Stolperfallen zu umgehen, und eine fast schon philosophische Betrachtung über den Menschen, sein Potenzial zur Gewalt und die Narben, welche diese hinterlässt, zu inszenieren. Sexverbrechen werden nicht gezeigt, sondern impliziert. Und auch das Töten der Kinderschänder wird nicht sensationsheischend in Szene gesetzt, sondern in Ellipsen zerstückelt präsentiert und nur selten gezeigt. Es ist ein Film über Gewalt, der überwiegend auf die Darstellung von Gewalt verzichtet, diese allerdings auch nicht verharmlost. Wieder stehen hier die Menschen, die Opfer, im Fokus. Joaquin Phoenix gibt eine wundervolle Performance ab, obwohl er nicht viel sagt. Denn geredet wird im Film wenig. Lynne Ramsay schafft es in diesen düsteren Welten, Bilder zu finden, die ganz für sich allein sprechen.


 
 
 
  • Linus Graber
  • 7. Sept. 2025

Aktualisiert: 9. März

Meister des surrealen Kinos – David Lynch ist im Januar dieses Jahres im Alter von 78 verstorben. Er hinterlässt ein filmisches Erbe der Extraklasse.



David Lynch war einer der kreativsten Köpfe Hollywoods. Nach seinem Tod im Januar dieses Jahres hinterlässt er ein Erbe, welches weit über die Filmkunst hinausgeht. Er startete als Maler, ist Schöpfer der Kult-Serie «Twin Peaks», machte selbst Musik und entdeckte als einer der Ersten das Potenzial des Internets. Er ist der Meister der surrealen Bilder und nicht ohne Grund erreichten viele seiner Filme Kultstatus. Die Filme von David Lynch einem Aussenstehenden zu erklären, ist schwierig, da sie sich mit Träumen und dem Unbewussten auseinandersetzen, Bereiche, für die wir oft keine passenden Begriffe haben. Nicht ohne Grund hat sich das Wort «Lynchian» in der Filmszene etabliert. In den Werken Lynchs geht es allerdings hauptsächlich darum, wie sie auf einen wirken. Er verstand, dass man einen Film nicht begreifen muss, sondern ihn in erster Linie erleben muss. Und wie kein anderer gelang es ihm Emotionen wie Freude, Trauer und Angst in Bildern auszudrücken, die wir vielleicht nicht einordnen können, die uns aber begleiten und plötzlich doch etwas Wichtiges über uns selbst mitteilen. Ich habe mir die Filme von David Lynch angeschaut. Ein persönliches Ranking:


  1. Dune (1984)



Der einzige Film in dieser Auflistung, den ich als schlecht bezeichnen würde. Zugegeben hat Lynchs «Dune» einen unverkennbaren Charme, der ihn zu einem interessanten Zeitdokument der 80er-Jahre macht. Allerdings demonstriert «Dune» gut, dass Lynch nicht der Filmemacher für grosse Blockbuster ist. Von seiner charakteristischen Handschrift ist im Film kaum etwas zu erkennen und so bleibt «Dune» ein aussergewöhnlich gewöhnlicher Ausreisser im sonst exzellenten Gesamtwerk des Regisseurs.


  1. The Straight Story (1999)



«The Straight Story» erzählt vom Rentner Alvin Straight (Richard Farnsworth), welcher sich wegen seines schlechter werdenden Gesundheitszustands dazu entschliesst, 400 Kilometer auf seinem Aufsitz-Rasenmäher durch Iowa zu reisen, um seinen ihm entfremdeten Bruder zu besuchen. Wie der Name des Films bereits anmuten mag (straight auf Deutsch: direkt) verzichtet Lynch in «The Straight Story» auf seinen charakteristischen Surrealismus und erzählt eine Geschichte von Empathie und der Notwendigkeit menschlichen Kontakts. Das wirkt ungewöhnlich für Lynch, doch tatsächlich ist das Bedürfnis des Menschen nach Liebe und Geborgenheit ein Motiv, welches sich durch sein Gesamtwerk zieht. In «The Straight Story» wird das sehr deutlich.


  1. Eraserhead (1977)



«Eraserhead» ist Lynchs erster Spielfilm und handelt von einem jungen Mann, welcher in seiner neuen Rolle als Vater mit sich zu kämpfen hat. Das ist eine sehr grobe Beschreibung der Handlung, denn tatsächlich ist «Eraserhead» bereits ein bestes Beispiel dafür, wie schwer Lynchs Filme oft zu beschreiben sind. Der Film entzieht sich Ort und Zeit, und präsentiert in körnigem Schwarz-Weiss surreale Bildwelten direkt einem Traum (oder Albtraum) entnommen. Lynch verarbeitet in «Eraserhead» seine eigene Erfahrung als junger Vater, und der Film erlangte durch seine Einzigartigkeit rasch Kultstatus. Für Lynch-Neulinge ist «Eraserhead» wahrscheinlich noch immer der beste Einstieg.


  1. Wild at Heart (1990)



Das junge Liebespaar Sailor und Lula (Nicolas Cage und Laura Dern) ist auf der Flucht vor dem Gesetz, nachdem Sailor einen Mann tötete, der ihn mit einem Messer bedrohte. Hinter dem Messerangriff steckt Lulas Mutter, die einen weiteren Attentäter auf den Liebhaber ihrer Tochter angeheuert hat. Was sich wie eine gewöhnliche Verfilmung eines Pulp-Romans anhört, verwandelt sich in Lynchs Händen zu etwas ganz Aussergewöhnlichem. «Wild at Heart» ist schockierend brutal, tief kitschig und herrlich witzig zugleich. Nicolas Cages übertriebener Spielstil passt perfekt in dieses amerikanische Märchen, gespickt mit Songs von Elvis Presley und Anspielungen auf «The Wizard of Oz». Daraus ergibt sich ein Film, der manchmal schwer zu fassen ist, mir allerdings noch lange im Kopf blieb und nicht ohne Grund die Goldene Palme von Cannes gewann.


  1. Inland Empire (2006)



«Inland Empire» ist Lynchs letzter und experimentellster Film. Grob gesagt folgen wir Laura Dern, die eine aufstrebende Schauspielerin in Hollywood verkörpert. Viel mehr kann man zur Handlung allerdings nicht sagen. Immer wieder stösst der Film einen vor den Kopf mit Szenen, die absolut gar nichts mit der am Anfang etablierten Handlung zu tun haben und oft auch in sich selbst keinen ersichtlichen Sinn ergeben. Trotzdem ist der Film alles andere als sinnlos. Lynch macht das, was er am besten kann: Bilder und Szenen inszenieren, die einen packen, schockieren und beschäftigen, auch wenn man nicht sofort weiss, woran man ist. Er legt etwas in einem frei, das man selbst erkunden muss. Und in keinem Film wird diese Qualität Lynchs so offenbar wie in «Inland Empire». Alle Navigationsstützen einer üblichen Geschichte werden dem Zuschauer nach und nach entzogen und man ist auf sich selbst gestellt, was man mit den Bildern vor sich anfängt. Und tatsächlich findet man in diesem Meer scheinbarer Beliebigkeit bewusst gewählte Themen und Motive. Man kann und soll «Inland Empire» nicht entschlüsseln, wer allerdings mal eine etwas andere Filmerfahrung machen möchte, für den ist der Film auf jeden Fall einen Blick wert.


  1. The Elephant Man (1980)



«The Elephant Man» ist wahrscheinlich Lynchs zugänglichstes Werk. In seinem zweiten Film erzählt Lynch die auf wahren Begebenheiten basierende Geschichte von Joseph Merrick (John Hurt), der wegen seiner Deformierungen im 19. Jahrhundert «Elephant Man» getauft wurde. Von einem Chirurgen (Anthony Hopkins) wird Merrick aus dem Zirkus gerettet und in einer Klinik resozialisiert. Wunderbar spielen die beiden englischen Grossmeister John Hurt und Anthony Hopkins ihre Rollen und inszenatorisch ist «The Elephant Man» ganz grosse Klasse. Wie auch «The Straight Story» ist «The Elephant Man» kein surrealistischer Film, sondern zeigt Lynchs empathische Seite sowie sein ausserordentliches Gespür, das menschliche Leiden einzufangen, ohne es auszustellen.


  1. Blue Velvet (1986)



Für viele ist «Blue Velvet» der Film, in dem Lynch zum ersten Mal voll und ganz zu seinem Stil gefunden hat. Der junge Student Jeffrey (Kyle MacLachlan) findet in seinem Heimatort ein abgetrenntes Ohr. Er beginnt eigenhändig Nachforschungen anzustellen und kommt daraufhin schon bald in Kontakt mit einer Bande, die ganz im Gegensatz zur idyllischen Fassade des Städtchens steht. Viele von Lynchs Filmen lassen sich als sein Versuch interpretieren, zu verstehen, wie es neben der Schönheit und der Gutherzigkeit der Menschen auch Grausamkeit, Gewalt und Tod geben kann, und was passiert, wenn diese Welten aufeinandertreffen. Liebe und Hass, Unschuld und Begierde, das Bewusste und das Unterbewusste – Gegensätze, die Lynch immer wieder beschäftigen. Das erste Mal wird das deutlich in «Blue Velvet». Jeffrey ist getrieben, das Mysterium hinter dem Ohr aufzudecken, hat Angst und ist gleichzeitig fasziniert und erregt, von dem, was er aufdeckt. Seine heile Welt, das Idyll der 50er-Jahre, kollidiert mit der Realität des Verbrechens und der Gewalt. Unterstützt wird diese Geschichte von einem tollen Cast (Dennis Hopper, Isabella Rossellini, Laura Dern, Dean Stockwell) und Lynchs wunderbarem Gespür für diegetische Needle Drops.


  1. Lost Highway (1997)



Fred (Bill Pullman) ist Jazz-Saxophonist und lebt mit seiner Frau Renée (Patricia Arquette) in Los Angeles. Die Ehe der beiden ist von Misstrauen geprägt. Eines Morgens liegt eine Videokassette auf ihrer Türmatte, auf der zu sehen ist, wie jemand in ihr Haus eindringt und sie beim Schlafen filmt. Kurz darauf passieren Ereignisse, die einem wieder in typischer Lynch-Manier fragen lassen, was real ist und was nicht. Die Atmosphäre von «Lost Highway» ist erstickend. Das Misstrauen der Hauptfigur wird übertragen auf den Zuschauer, der sich fragt, was er dem Gesehenen überhaupt glauben darf. «Lost Highway» ist Lynchs erster Film, der wirklich in das Unterbewusste seiner Figuren eindringt. Und sobald man meint, das Puzzle gelöst zu haben, wechselt der Film komplett seinen Schauplatz und seine Figuren. «Lost Highway« ist ein höllisches Puzzle der Psyche und wird nicht zu Unrecht oft mit Lynchs späteren Film «Mulholland Drive» verglichen, den ich allerdings noch etwas besser finde. Nichtsdestotrotz ist «Lost Highway» eines seiner ganz grossen Werke.


  1. Twin Peaks: Fire Walk With Me (1992)



Zugegeben, wenn man die Serie «Twin Peaks» nicht gesehen hat, wird man mit dem Film «Twin Peaks: Fire Walk With Me» vielleicht Schwierigkeiten haben. Der Film ist ein Prequel zur Serie und erkundet die letzten Tage Laura Palmers (Sheryl Lee), bevor sie im Pilot der Serie leblos in einem Sack ans Ufer geschwemmt wird. Die Art und Weise, wie Lynch Lauras Leid aufarbeitet ist herzzerreissend. Und gleichzeitig erfährt man mehr über die bösen Mächte, die in Twin Peaks am Werk sind. Gespickt ist der Film abermals mit dem typischen Surrealismus, doch nirgends sonst geht einem der Albtraum, den Lynch schafft, so in die Knochen wie hier. In Cannes ist der Film damals berüchtigt gefloppt. Falls man die Serie allerdings gesehen hat, ist «Twin Peaks: Fire Walk With Me» ein absolutes Muss. Doch apropos Serie...


Honorable Mention: Twin Peaks (1990 – 1991), Twin Peaks: The Return (2017)



Wer wirklich wissen will, was David Lynch ausmacht, ist mit der Serie «Twin Peaks» wahrscheinlich am besten bedient. Gemeinsam mit Mark Frost rief Lynch die Kultserie 1990 ins Leben. Sie handelt vom namensgebenden Städtchen Twin Peaks im von Tannen übersäten Nordwesten der USA. Als eines Morgens die Leiche einer Highschool-Schülerin, Laura Palmer, entdeckt wird und der FBI-Agent Dale Cooper (Kyle MacLachlan) in die Kleinstadt reist, beginnt sich nach und nach der Albtraum hinter der idyllischen Kleinstadtfassade zu offenbaren.


Die Parallelen zu «Blue Velvet» sind klar ersichtlich. Doch mit «Twin Peaks» konnte sich David Lynch ganz austoben. Die Serie ist wunderbar geschrieben, das Mysterium, wer Laura Palmer getötet hat, bleibt spannend und der übernatürliche Surrealismus, der natürlich irgendwann auch seinen Einzug hält, gibt «Twin Peaks» etwas ganz Einzigartiges. Nach dem Erfolg der ersten Staffel wollten die Sender eine zweite Staffel mit über doppelt so vielen Episoden, und, dass die Auflösung rund um das Mysterium von Lauras Tod hinausgezogen werde. In der Konsequenz hat sich David Lynch von der Serie zum grössten Teil verabschiedet und war in der zweiten Staffel nur vereinzelt beteiligt. Die zweite Staffel ist auch ganz klar das schwächste Glied der Serie und der Grund dafür, dass die Serie ohne Auflösung vom Sender abgesetzt wurde.



Im Jahr 2017 gelang es Lynch allerdings, eine dritte Staffel zu finanzieren und die Geschichte abzuschliessen. Wie bereits «Inland Empire» ist auch «Twin Peaks: The Return» deutlich absurder und unkonventioneller als die vorherigen Staffeln. Genau das macht sie allerdings so besonders und tatsächlich schafft es Lynch, die Serie wunderbar neu zu erfinden und zu einem Schluss zu bringen, der (natürlich wieder) ganz viele Fragen aufwirft. Auch ist «Twin Peaks: The Return» quasi David Lynchs letztes narratives Werk. Nur schon deshalb hat «Twin Peaks: The Return» also eine ganz besondere Bedeutung.


  1. Mulholland Drive (2001)



Betty (Naomi Watts) will in Hollywood eine grosse Schauspielerin werden. In der Stadt der Engel angekommen, begegnet sie im Apartment ihrer Tante einer Frau, die keine Erinnerungen an ihre Vergangenheit zu haben scheint. Betty hilft Rita (so nennt sich die Frau, nachdem sie ein Poster von Rita Hayworth sieht) herauszufinden, wer sie ist und woher sie kommt. «Mulholland Drive» ist meiner Meinung nach nicht nur der beste Film von David Lynch, sondern auch einer meiner absoluten Lieblingsfilme. Als ich ihn das erste Mal sah, war ich perplex. Ich konnte nichts damit anfangen, habe ihn nicht verstanden. Doch er liess mich irgendwie nicht los, und deswegen schaute ich ihn etwas später ein zweites Mal. Noch genauso verwirrt, faszinierte mich der Film nun aber. Wie bereits «Lost Highway» beschäftigt sich auch «Mulholland Drive» mit dem Unterbewusstsein. Realität und Traum verschwimmen ineinander. Im Kern der Geschichte ist auch hier eigentlich das Leid einer jungen Frau, das sich in albtraumartigen Visionen bemerkbar macht. Viele Filme dekonstruieren die Traumfabrik Hollywood, doch wenigen gelingt es so gut wie «Mulholland Drive».


 
 
 
  • Linus Graber
  • 8. Aug. 2025

Comeback des Klamauks – Das Reboot der berühmten Comedy-Reihe will, dass im Kino wieder gelacht wird.



Komödien auf der grossen Leinwand sind im Streaming-Zeitalter zur Seltenheit geworden. Sie werden von Studios üblicherweise direkt über Streaming-Plattformen veröffentlicht, ohne einen Kinostart zu bekommen. Ein aktuelles Beispiel dafür ist etwa Adam Sandlers «Happy Gilmore 2», welcher letzten Monat direkt auf Netflix veröffentlicht wurde. Das Studio Paramount will dieser Rezession von Komödien im Kino entgegenwirken: «The Naked Gun» (2025) bildet nicht nur den Versuch, die beliebte Comedy-Reihe zurückzubringen, sondern auch den Entschluss, das Genre wieder auf die Leinwand zu bringen.


Im Reboot der «Naked Gun»-Reihe schlüpft Liam Neeson in die Rolle von Lieutenant Frank Drebin Jr., dem Sohn von Leslie Nielsens Figur der originalen Trilogie. Nach dem Diebstahl eines Geräts namens P.L.O.T. Device, eingefädelt vom Tech-Milliardär Simon Davenport (Danny Huston), lernt Drebin Jr. Beth kennen (Pamela Anderson). Die beiden beginnen daraufhin eine Verschwörung aufzudecken, die das Schicksal der Welt bestimmt.


Wer mit dem «Naked Gun»-Franchise vertraut ist, weiss, dass die Handlung nicht nebensächlicher sein könnte. Der Plot besteht aus der Blaupause eines Polizeithrillers: böser Unternehmer, Femme fatale und internationale Verschwörung. Die Geschichte dient allerdings nur als Kulisse für das Gag-Feuerwerk, das sich davor abspielt. Im gefühlten Sekundentakt feuerten die originalen «Naked Gun»-Filme Gags ab. Von absurd über clever bis schlichtweg stumpf war alles dabei. Manchmal funktioniert ein Gag nicht, dann ist aber schon der nächste da. Was den Humor der Filme allerdings vor allem ausmacht, ist ihre Ernsthaftigkeit. Witze werden nicht mit Augenzwinkern und übertriebener Manier inszeniert, sondern die Figuren und die Welt nehmen sich ernst. Der Kontrast zwischen dieser Erdung und den absurden Dialogen und Situationen bildet den humoristischen Kern der «Naked Gun»-Filme. Die Macher der originalen Filme, David Zucker, Jerry Zucker und Jim Abrahams, haben in ihren Filmen eine sehr einzigartige Art Humor geprägt, die auch in den folgenden Jahrzehnten nicht wirklich imitiert wurde.


Schafft es nun der neue «The Naked Gun» (2025) diesem Erbe gerecht zu werden? Die Antwort ist: ja, überraschend gut sogar. Natürlich ist der neue Film in vielen Aspekten anders als die alten Filme. Immerhin leben wir aber auch in einem ganz anderen Jahrzehnt und Zeitalter, historisch wie auch filmisch. Das Reboot ist etwas mehr auf seine Handlung fokussiert als noch die Vorgänger. Auch sieht man klar den Einfluss des Regisseurs Akiva Schaffer, welcher Mitglied des Comedy-Trios «Lonely Island» ist. Manche Gags erinnern dadurch eher an den «Lonely Island»-Stil als an das Original – was nicht per se schlecht ist. Wie gesagt leben wir in einer anderen Zeit – ein verkrampfter Imitationsversuch der alten Filme hätte mit grosser Sicherheit katastrophal geendet.



Trotz der erkennbar neuen Handschrift schafft es «The Naked Gun» (2025) nämlich, den Prinzipien des «Naked Gun»-Humors treu zu bleiben: Die Welt nimmt sich ernst, die Figuren nehmen sich ernst, und Dialoge werden ernsthaft inszeniert. Liam Neeson als Frank Drebin Jr. ist dabei grossartig gecastet. Er spielt zwar ganz anders als Leslie Nielsen, verleiht aber seinen Sätzen eine Gravitas, die dem Humor des Films perfekt in die Hände spielt. Gut war die Entscheidung, nicht einen Komödienstar zu engagieren, sondern jemanden, den man vor allem aus dem Actionkino kennt. Auch Pamela Anderson, die aktuell ja ein gewisses Karriere-Revival feiert, spielt ihre Rolle perfekt auf die Stärken des Films gemünzt.


Der Film ist schlussendlich nicht ohne seine Schwächen. Insbesondere der Mittelteil fokussiert sich etwas zu sehr auf die Handlung, wodurch das Gag-Feuerwerk etwas abnimmt. Auch nutzen sich manche Witze mit der Zeit etwas ab. Allerdings sollte man sich erinnern, dass auch die Originaltrilogie nicht ohne Makel ist und nicht alle Gags zündeten. Schlussendlich darf sich noch anmerken lassen, dass Humor natürlich etwas sehr Subjektives ist. Wer allerdings mit den alten «Naked Gun»-Filmen oder «Lonely Island» etwas anfangen kann, dem kann ich den Film nur wärmstens ans Herz legen. Nicht jeder Gag wird zünden, aber mit knackigen 85 Minuten kann man eigentlich wenig falsch machen. Ob Paramounts Versuch gelingt, Komödien wieder ins Kino zu bringen, wird sich mit den Zahlen zeigen. Es ist allerdings wieder einmal schön, in einem Kinosaal zu sitzen und mit einem Publikum gemeinsam zu lachen. Gerne mehr davon!





 
 
 
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