Lynne Ramsay
- Linus Graber
- 15. Nov. 2025
- 5 Min. Lesezeit
Psychologisches Kino der Extraklasse – Mit fünf Filmen in 26 Jahren ist das Gesamtwerk der schottischen Regisseurin zwar überschaubar, hat es allerdings ganz schön in sich.

Vor einer Woche startete Lynne Ramsays neuster Film «Die My Love» in den Deutschschweizer Kinos. Wie alle ihre Werke ist auch ihr fünfter Spielfilm alles andere als konventionell. Im Zentrum ihrer Geschichten stehen Figuren, die nicht immer sofort erschliessbar sind und die Zuschauer zu Beginn vielleicht vor den Kopf stossen. Diese Existenzen, ihre Gefühlswelten und Umgebungen zu erschliessen, ist Ramsays Stärke. Ihre Filme sind traurig, aber nie strafend, und eröffnen immer wieder neue Perspektiven. 30 Jahre nachdem ihr Kurzfilm «Small Deaths» in Cannes einen Preis gewonnen hat, ist ihre Filmographie mit fünf Werken sehr überschaubar. Sie wählt ihre Projekte mit Bedacht – und das zeigt sich auch. Einen schlechten Film hat sie meiner Meinung nach bisher noch nicht gemacht. Ein persönliches Ranking:
Die My Love (2025)

«Die My Love» ist wie bereits erwähnt Lynne Ramsays neuester Film und basiert auf dem gleichnamigen Bestseller. Der Film folgt einer jungen Mutter, die mit ihrem Mann in ein abgelegenes Haus zieht und infolge postpartaler Depressionen immer mehr in psychotische Zustände hineinfällt. Für den Film holte sich Ramsay Jennifer Lawrence ins Boot, oder besser gesagt bekam Jennifer Lawrence das Buch von Martin Scorsese geschickt, und diese wollte, dass Ramsay es verfilmt. Und nach anfänglichem Zweifel entschloss sich Ramsay, das Projekt umzusetzen. Zwar würde ich «Die My Love» als ihren schwächsten Film bezeichnen, nichtsdestotrotz ist er einer meiner Favoriten dieses Jahres. In schwindelerregenden Montagen folgen wir Jennifer Lawrence in den Wahnsinn. Ihr Handeln, so verrückt es auch sein mag, können wir dabei meist nachvollziehen. Gegen das Rollenbild und die Erwartungen, die ihr als junge Mutter von der Aussenwelt und ihrem Mann (Robert Pattinson) auferlegt werden, versucht sie mit der letzten ihr noch verbleibenden Handlungsmacht anzukämpfen, bis sich irgendwo die Grenze zwischen Realität und Einbildung allmählich verwischt. Ein zugegeben anstrengender Film, der manchmal etwas zu vage bleibt, dennoch Lynne Ramsays ganz persönliche Handschrift trägt.
We Need to Talk About Kevin (2011)

Wie geht man damit um, wenn das eigene Kind zum Massenmörder wird? Und was macht das mit einem? Diese schwierigen Fragen stellt sich der Film «We Need to Talk About Kevin». Ebenfalls basierend auf einem Bestseller handelt der Film von Eva (Tilda Swinton), einer ehemaligen Journalistin für ein Reisemagazin, welche Schwierigkeiten hat, ihrem erstgeborenen Kind gegenüber, Kevin (Ezra Miller), Gefühle entgegenzubringen. Der Film macht von Beginn an klar, dass Kevin an seiner Highschool etwas Schreckliches angerichtet hat. Was er genau gemacht hat, erfährt man allerdings erst im Laufe des Films, denn der Film spielt in verschiedenen Zeitebenen. So sehen wir Eva etwa als glückliche Journalistin, bevor sie Mutter wurde, als Verstossene nach dem Verbrechen ihres Sohnes, und als Beobachterin und Opfer des zunehmend psychopathischen Verhaltens, das Kevin im Laufe seines Aufwachsens entwickelt. Die Struktur funktioniert unglaublich gut und bewirkt, dass der Fokus weniger auf der sich anbahnenden Katastrophe liegt und der Film sich stattdessen mehr mit der Gefühlswelt und den psychologischen Implikationen für die Mutter auseinandersetzt. Statt das Publikum mit Gewalt zu schocken, schaut Ramsay auf die Figuren, die hinter solchen Tragödien stehen.
Morvern Callar (2002)

Am Weihnachtsmorgen entdeckt Morvern Callar (Samantha Morton) ihren Freund mit aufgeschnittenen Pulsadern leblos auf dem Boden ihres gemeinsamen Apartments. In einem Abschiedsbrief bittet er sie, seinen unveröffentlichten Roman an Verleger zu schicken. Das tut Morvern Callar auch, allerdings unter ihrem eigenen Namen. Und als der Roman tatsächlich einen Käufer findet, entschliesst sie sich mit ihrer Freundin nach Ibiza zu gehen. Was zugegeben wie ein sehr makaberer Einstieg in eine Handlung klingt, verwandelt sich unter Ramsays Regie in eine unaufgeregte, aber empathische Betrachtung einer vom Leben desillusionierten Frau. Morvern Callars Reaktion und ihre Handlungen nach dem Selbstmord ihres Freundes mögen im ersten Moment befremdlich wirken. Im Verlauf des Films beginnen wir allerdings, uns in ihre Gefühlswelt hineinzuversetzen, bzw. in das, was wir in ihre Handlungen reininterpretieren. Denn der Film erklärt wenig. Mit Bildern von erstickenden Partyszenen, massiven Hotelblöcken auf Ibiza und kalten Supermärkten in Schottland vermittelt der Film eine Atmosphäre zum Anfassen. Ein einzigartiges Werk – zugleich trist und lebensbejahend – das den Zuschauer mit ambivalenten Gefühlen zurücklässt und allein schon deshalb lange im Hinterkopf bleiben wird.
Ratcatcher (1999)

Ihr Debüt gab Ramsay mit dem Coming-of-Age-Drama «Ratcatcher». Der Film folgt dem zwölfjährigen James (William Eadie) der mit seiner Familie in einer heruntergekommenen Hochhaussiedlung in Glasgow lebt. Wegen eines Streiks der örtlichen Müllabfuhr stapelt sich in den Strassen der Abfall, was immer mehr Ratten anlockt. Obwohl dieser Umstand nicht direkt in die Handlung eingreift, so ist er verantwortlich für den Titel des Films und steht sinnbildlich für das Leben der Menschen, mit denen James aufwächst. «Ratcatcher» zeigt eine Unterschicht, gefangen im eigenen Müll. Wie in vielen von Ramsays Filmen geht es auch in ihrem Erstlingswerk um Sehnsucht. Die Figuren, mit denen James täglich interagiert, wollen eigentlich woanders hin. Seine Familie erhofft sich eine bessere Wohnung und James nimmt regelmässig den Bus aufs Land, wandert durch Baustellen von Häusern mitten in goldenen Ährenfeldern und sehnt sich dorthin. Wenigen gelingt dieser Ausbruch, und manchmal endet er auch im Tod. «Ratcatcher» demonstrierte früh Ramsays Können, Figuren am Existenzminimum realitätsnah zu porträtieren, ohne sie auszustellen oder zu romantisieren. Durch die Augen eines Zwölfjährigen sehen wir eine Gesellschaft ohne Zukunft, die trotzdem träumt und weiterlebt.
You Were Never Really Here (2017)

Joaquin Phoenix spielt den traumatisierten Veteranen Joe, ein ehemaliger FBI-Agent, der entführte Mädchen und Frauen aufspürt und zu ihren Familien zurückbringt. Er soll die minderjährige Tochter eines Senators aus einem Bordell befreien, in das sie entführt wurde. Während des Auftrags merkt Joe allerdings, dass weitaus mächtigere Akteure in den Sexhandel von Minderjährigen involviert sind, als ihm mitgeteilt wurde, und seine Welt beginnt um ihn herum zusammenzubrechen. «You Were Never Really Here» ist ein Film, der sich in die tiefsten Abgründe des menschlichen Daseins wagt. Wo andere Filme aber an dieser Thematik scheitern würden – daraus einen billigen Horrorschocker oder ein taktloses Verschwörungsdrama machen würden – gelingt es Ramsay, all diese Stolperfallen zu umgehen, und eine fast schon philosophische Betrachtung über den Menschen, sein Potenzial zur Gewalt und die Narben, welche diese hinterlässt, zu inszenieren. Sexverbrechen werden nicht gezeigt, sondern impliziert. Und auch das Töten der Kinderschänder wird nicht sensationsheischend in Szene gesetzt, sondern in Ellipsen zerstückelt präsentiert und nur selten gezeigt. Es ist ein Film über Gewalt, der überwiegend auf die Darstellung von Gewalt verzichtet, diese allerdings auch nicht verharmlost. Wieder stehen hier die Menschen, die Opfer, im Fokus. Joaquin Phoenix gibt eine wundervolle Performance ab, obwohl er nicht viel sagt. Denn geredet wird im Film wenig. Lynne Ramsay schafft es in diesen düsteren Welten, Bilder zu finden, die ganz für sich allein sprechen.



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