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Marty Supreme

  • Autorenbild: Linus Graber
    Linus Graber
  • vor 1 Tag
  • 3 Min. Lesezeit

Mit Ping Pong nach ganz oben – Josh Safdie und Timothée Chalamet sorgen für nervenaufreibende 150 Minuten im Kino.



Für viele ist das Kino ein Ort zum Entspannen, zum Abschalten, um in eine Welt einzutauchen und den Alltagssorgen zu entkommen. Nicht allerdings für die Safdie-Brüder. Josh und Benny Safdie brachten mit «Uncut Gems» 2019 das Stress-Kino in den Mainstream. Seither sind Filme, in denen die Hauptfigur sowie auch die Zuschauer, ständig unter Strom stehen und alles schiefläuft was schieflaufen kann, sehr beliebt. Ein jüngstes Beispiel ist etwa der Film «If I Had Legs I’d Kick You», für welchen Hauptdarstellerin Rose Byrne für einen Oscar nominiert ist. Oder natürlich «Marty Supreme», Josh Safdies neuster und erster Film ohne Bruder Benny. Mit «Marty Supreme» zementiert er sich als Meister des unangenehmen Kinos und schnappt sich dazu auch gleich den wohl aktuell meist gefragtesten Schauspieler Hollywoods.

 

In «Marty Supreme» spielt Timothée Chalamet den stets getriebenen Tischtennisspieler Marty Mauser, welcher lose auf dem real existierenden Marty Reisman basiert. Im grauen New York der 1950er-Jahre versucht Marty mit Nebenjobs und Betrügereien über die Runden zu kommen und sich die Reisekosten für die grossen Tischtennisturniere zu finanzieren. Er ist überzeugt, dass er zu ganz Grossem bestimmt ist und nach einer Niederlage im Finale der Weltmeisterschaft will es Marty im Jahr darauf allen beweisen – insbesondere sich selbst. Noch bemerkenswerter als seinen Umgang mit dem Tischtennisschläger ist allerdings sein Maul. Charmant lügt und mogelt Marty sich durch die Welt, was ihn immer wieder in die Bredouille bringt. Als er erfährt, dass ihm für die Reise und die Teilnahme an der nächsten Weltmeisterschaft die finanziellen Mittel fehlen, folgen wir Marty auf seinen Eskapaden, das Geld aufzutreiben. Es folgt ein Rausch der Eskalationen, der mit jeder Handlung herrlich schlimmer wird.

 


Marty Mauser ist keine sympathische Figur. Ohne Rücksicht auf seine Mitmenschen will er engstirnig seine "Grossartigkeit" beweisen. Es ist allerdings faszinierend ihm zuzusehen, was nicht zuletzt an einer wundervoll energiegetriebenen Performance von Timothée Chalamet liegt (der sich dieses Jahr wahrscheinlich seinen wohl verdienten Oscar holen wird). Und trotzdem feuern wir Marty auch irgendwie an. Denn trotz seinen oft schlechten Entscheidungen nimmt Marty gesellschaftlich eine klare Aussenseiterrolle ein. Als dünner Mann in der New Yorker Unterschicht und jüdischer Abstammung – nicht Mal zehn Jahre nach dem Holocaust – wird seinen Ambitionen, nach ganz oben zu kommen, misstrauisch begegnet. Das sehen wir etwa durch das Machtverhältnis zum Unternehmer Milton Rockwell, (gespielt vom echten Unternehmer Kevin O'Leary) welcher Marty für sein Geschäft ausnutzen möchte. Das Entkommen aus der ökonomischen Abhängigkeit ist ein Hauptantrieb Martys und ein Thema, welches im Film immer wieder verhandelt wird.

 

Neben der politischen Dimension verbirgt sich in Marty Supreme aber auch ein sehr unterhaltsamer Sportfilm. Als Tischtennis-Laie wirken die Spiele gut inszeniert und man fiebert mit. Doch am meisten glänzt das filmische Handwerk natürlich in Martys Machenschaften neben dem Tisch. Josh Safdie inszeniert den Film mit einer Unruhe und Dringlichkeit, die bemerkenswert ist. Es gibt selten Verschnaufpausen, was auch dazu führt, dass der Film kaum Längen hat. Grossartig ist zudem, dass Safdie wieder mit vielen Laienschauspielern arbeitet, die diesem Hollywood-Film mit Superstars wie Timothée Chalamet und Gwyneth Paltrow die nötige Erdung verleihen.


 

«Marty Supreme» erinnert in seiner Inszenierung stark an den bereits erwähnten «Uncut Gems», dem vorherigen Film von Josh Safdie mit seinem Bruder. Ein Vergleich, der berechtigt ist. Was in «Uncut Gems» noch unberechenbar und innovativ war, wirkt in «Marty Supreme» manchmal fast etwas formelhaft, insbesondere gegen hinten. Es wird wenig Neues gewagt und oft verlässt sich der Film auf dieselben narrativen Tricks, die wir mittlerweile ganz gut aus diesen stressigen Filmen kennen. «Marty Supreme» ist wundervoll inszeniert, gespielt und durch das Sportelement eine ganze Ecke zugänglicher als noch «Uncut Gems», wer allerdings eine neue Seite von Josh Safdie erwartet, wird leider enttäuscht.

 
 
 

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