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  • Linus Graber
  • 29. März

Feel-Good-Kino im Weltall – «Project Hail Mary» ist geballte Ryan Gosling-Starpower in Überlänge. Ein Unterhaltungsbombast über Optimismus und Freundschaft, der sich leider viel zu wenig traut.



Für Weltuntergangsszenarien braucht man heutzutage nicht mehr ins Kino zu gehen, ein Blick in die Nachrichten genügt. Für viele dient das Kino dementsprechend als Eskapismus, etwa in digitale Welten wie Avatars Pandora oder halbgare Disney-Fantasien. Dass nun ein Weltraumfilm mit Untergangszenario zum Publikumsmagnet wird, dürfte verwundern. Tatsächlich verbirgt sich in «Project Hail Mary» allerdings ein Feel-Good-Film, mit zwar wenig Biss, dafür ganz viel Optimismus.


«Project Hail Mary» basiert auf dem gleichnamigen Roman («Der Astronaut» auf Deutsch) von Andy Weir und wurde vom Regieduo Phil Lord und Christopher Miller inszeniert, die man von den Jump-Street-Filmen kennt. Mittelschullehrer und Molekularbiologe Ryland Grace (Ryan Gosling) wacht ohne Erinnerungen allein auf einem Raumschiff, mehrere Lichtjahre von der Erde entfernt, auf. Während Grace beginnt, den Grund seines Aufenthalts im Weltall zu entschlüsseln, sehen wir in Rückblenden, wie er von der Agentin Eva Stratt (Sandra Hüller) angeheuert wird, einen Mikroorganismus zu erforschen, welcher die Sonne "auffrisst", was auf der Erde zu Abkühlungen katastrophalen Ausmasses führen würde. Ein weit entfernter Stern im Tau-Ceti-System scheint es geschafft zu haben, den Mikroorganismus abzuwehren, und um herauszufinden, wie der Mikroorganismus aufgehalten werden kann, werden drei Astronauten in einem Himmelfahrtskommando zum Stern geschickt. Wie sich später herausstellt, ist Grace unfreiwillig auf dieser Mission dabei, und da die restliche Besatzung das künstliche Komma nicht überlebt hat, liegt die Zukunft der Erde nun auf seinen Schultern.


 

Dreh- und Angelpunkt von «Project Hail Mary» ist Ryan Gosling. In über 150 Minuten begleiten wir seine Figur, die er gewohnt charmant, spitzbübisch und manchmal etwas tollpatschig verkörpert. Es ist Star-Kino, wie es im Buche steht. Aber auch die deutsche Schauspielerin Sandra Hüller liefert ein Hollywood-Debüt ab, das ganz sicher im Kopf bleiben wird. Ganz allein ist Gosling im Weltall allerdings nicht. Grace trifft nämlich auf Rocky, einen felsähnlichen Ausserirdischen, der ebenfalls nach Tau Ceti reiste, um seinen Planeten vor dem Mikroorganismus zu retten. Mit gemeinsamem Ziel spannen Grace und Rocky also zusammen.

 

Daraus entwickelt sich schnell eine Freundschaft. Denn «Project Hail Mary» ist in erster Linie eine Geschichte der Zusammenarbeit und des Optimismus. Alle spannen zusammen, um eine Lösung gegen die Bedrohung aus dem All zu finden, seien dies verfeindete Staaten oder sogar andere Spezies. Einen solchen Optimismus gibt es seit Ende der 90er-Jahre selten in den Kinos. Und wieso auch nicht: Die Vorstellung, wie ein unfreiwilliger Held und sein felsiger Alienfreund alle Probleme der Menschheit lösen, ist doch auch mal ganz schön. Statt philosophischem Weltraumdrama oder politischem Kommentar ist «Project Hail Mary» viel eher eine Buddy-Komödie. Die Freundschaft zwischen Grace und Rocky funktioniert. Sie ist unterhaltsam, lustig und emotional durchaus berührend.


 

Wer hingegen von «Project Hail Mary» etwas Tiefgang erwartet, wird enttäuscht. Die Geschichte von Ryland Grace überrascht – wenn überhaupt – selten. Schnell merkt man dem Hollywood-Blockbuster eine gewisse Formelhaftigkeit an, aus der «Project Hail Mary» nie ausbricht. Hindernisse müssen überwunden werden, doch auch diese scheinen oft nicht besonders gross. Die Menschheit zu retten, ist in «Project Hail Mary» überraschend einfach. Das fängt bereits auf der Erde an: Alle Länder arbeiten zusammen, um die Erde vor einer Klimakatastrophe zu retten. Der Auslöser der Katastrophe und die Lösung des Problems kommen aus dem All. Im Hinblick auf den menschengemachten Klimawandel, eine reale Katastrophe, welche an der globalen Kooperation scheitert, wirkt diese fast schon dezidiert apolitische Haltung manchmal gar zynisch. «Project Hail Mary» bezieht keine Haltung und wirkt dadurch am Ende fast etwas profillos.

 

Für einen Film mit über 150 Minuten Länge nimmt er sich auch selten Zeit, auf Bildern und Emotionen zu verweilen. Schnelle Schnitte und konstante Needle-Drops machen den Film vielleicht kurzweiliger, aber nicht besser. Auch hätte der Film mehrere Szenen früher enden dürfen und verdeutlicht, dass Dinge manchmal besser angedeutet, statt gezeigt werden sollen.

 
 
 
  • Linus Graber
  • 1. März

Aktualisiert: 9. März

Mit Ping Pong nach ganz oben – Josh Safdie und Timothée Chalamet sorgen für eine nervenaufreibende Zeit im Kino.



Für viele ist das Kino ein Ort zum Entspannen, zum Abschalten, um in eine Welt einzutauchen und den Alltagssorgen zu entkommen. Nicht allerdings für die Safdie-Brüder. Josh und Benny Safdie brachten mit «Uncut Gems» 2019 das Stress-Kino in den Mainstream. Seither sind Filme, in denen die Hauptfigur sowie auch die Zuschauer, ständig unter Strom stehen und alles schiefläuft was schieflaufen kann, sehr beliebt. Ein jüngstes Beispiel ist etwa der Film «If I Had Legs I’d Kick You», für welchen Hauptdarstellerin Rose Byrne für einen Oscar nominiert ist. Oder natürlich «Marty Supreme», Josh Safdies neuster und erster Film ohne Bruder Benny. Mit «Marty Supreme» zementiert er sich als Meister des unangenehmen Kinos und schnappt sich dazu auch gleich den wohl aktuell meist gefragtesten Schauspieler Hollywoods.

 

In «Marty Supreme» spielt Timothée Chalamet den stets getriebenen Tischtennisspieler Marty Mauser, welcher lose auf dem real existierenden Marty Reisman basiert. Im grauen New York der 1950er-Jahre versucht Marty mit Nebenjobs und Betrügereien über die Runden zu kommen und sich die Reisekosten für die grossen Tischtennisturniere zu finanzieren. Er ist überzeugt, dass er zu ganz Grossem bestimmt ist und nach einer Niederlage im Finale der Weltmeisterschaft will es Marty im Jahr darauf allen beweisen – insbesondere sich selbst. Noch bemerkenswerter als seinen Umgang mit dem Tischtennisschläger ist allerdings sein Maul. Charmant lügt und mogelt Marty sich durch die Welt, was ihn immer wieder in die Bredouille bringt. Als er erfährt, dass ihm für die Reise und die Teilnahme an der nächsten Weltmeisterschaft die finanziellen Mittel fehlen, folgen wir Marty auf seinen Eskapaden, das Geld aufzutreiben. Es folgt ein Rausch der Eskalationen, der mit jeder Handlung herrlich schlimmer wird.

 


Marty Mauser ist keine sympathische Figur. Ohne Rücksicht auf seine Mitmenschen will er engstirnig seine "Grossartigkeit" beweisen. Es ist allerdings faszinierend ihm zuzusehen, was nicht zuletzt an einer wundervoll energiegetriebenen Performance von Timothée Chalamet liegt (der sich dieses Jahr wahrscheinlich seinen wohl verdienten Oscar holen wird). Und trotzdem feuern wir Marty auch irgendwie an. Denn trotz seinen oft schlechten Entscheidungen nimmt Marty gesellschaftlich eine klare Aussenseiterrolle ein. Als dünner Mann in der New Yorker Unterschicht und jüdischer Abstammung – nicht Mal zehn Jahre nach dem Holocaust – wird seinen Ambitionen, nach ganz oben zu kommen, misstrauisch begegnet. Das sehen wir etwa durch das Machtverhältnis zum Unternehmer Milton Rockwell, (gespielt vom echten Unternehmer Kevin O'Leary) welcher Marty für sein Geschäft ausnutzen möchte. Das Entkommen aus der ökonomischen Abhängigkeit ist ein Hauptantrieb Martys und ein Thema, welches im Film immer wieder verhandelt wird.

 

Neben der politischen Dimension verbirgt sich in Marty Supreme aber auch ein sehr unterhaltsamer Sportfilm. Als Tischtennis-Laie wirken die Spiele gut inszeniert und man fiebert mit. Doch am meisten glänzt das filmische Handwerk natürlich in Martys Machenschaften neben dem Tisch. Josh Safdie inszeniert den Film mit einer Unruhe und Dringlichkeit, die bemerkenswert ist. Es gibt selten Verschnaufpausen, was auch dazu führt, dass der Film kaum Längen hat. Grossartig ist zudem, dass Safdie wieder mit vielen Laienschauspielern arbeitet, die diesem Hollywood-Film mit Superstars wie Timothée Chalamet und Gwyneth Paltrow die nötige Erdung verleihen.


 

«Marty Supreme» erinnert in seiner Inszenierung stark an den bereits erwähnten «Uncut Gems», dem vorherigen Film von Josh Safdie mit seinem Bruder. Ein Vergleich, der berechtigt ist. Was in «Uncut Gems» noch unberechenbar und innovativ war, wirkt in «Marty Supreme» manchmal fast etwas formelhaft, insbesondere gegen hinten. Es wird wenig Neues gewagt und oft verlässt sich der Film auf dieselben narrativen Tricks, die wir mittlerweile ganz gut aus diesen stressigen Filmen kennen. «Marty Supreme» ist wundervoll inszeniert, gespielt und durch das Sportelement eine ganze Ecke zugänglicher als noch «Uncut Gems», wer allerdings eine neue Seite von Josh Safdie erwartet, wird leider enttäuscht.

 
 
 
  • Linus Graber
  • 22. Feb.

Aktualisiert: 24. Feb.

Mord(s)spass für die Familie – Park Chan-wooks neuer Film schildert den blutigen Überlebenskampf im modernen Stellenmarkt.



Man hört es ständig: Firmen kündigen Sparmassnahmen an, Stellen werden abgebaut und langjährige Mitarbeiter verlieren ihren Job. Danach eine neue Anstellung im gleichen Lohnsegment zu finden, ist oft schwer, und auf Annehmlichkeiten zu verzichten, weil man plötzlich weniger Geld hat, will schliesslich niemand.


Genau vor diesem Problem sieht sich auch Familienvater Man-su (gespielt vom Squid Game-Star Lee Byung-hun), welcher nach 25 Jahren Expertise in der Papierindustrie nun entlassen wird. Arbeitslos kann er es als Familienoberhaupt (so nennt er sich gerne selbst) nicht mit ansehen, wie seine Frau und seine zwei Kinder auf den gewohnten Komfort verzichten müssen. Gelder für Freizeitaktivitäten werden gestrichen, die beiden Hunde der Familie müssen weggegeben werden und vielleicht müssen sie sogar ihr Haus mit grossem Garten verlassen und in eine Hochhaussiedlung ziehen. Man-su versucht, eine neue Stelle in der Papierindustrie zu finden, doch das ist gar nicht so leicht. Der Jobmarkt ist klein und die Mitbewerber sind gut. Doch vielleicht lässt sich das ändern ...


No Other Choice ist der 12. Spielfilm des südkoreanischen Filmemachers Park Chan-wook, den man international wohl am besten für seinen Kultklassiker Oldboy kennt. Der Film basiert auf dem amerikanischen Roman The Ax von Donald E. Westlake, welchen Chan-wook bereits 2009 verfilmen wollte. 16 Jahre später konnte er das Projekt nun umsetzen. An Aktualität hat der Stoff auf jeden Fall nicht eingebüsst.



No Other Choice erzählt von einem Klassenkampf. Allerdings nicht von einem vertikalen (unten gegen oben), sondern von einem horizontalen. Man-su ist nicht der einzige Papierexperte auf Jobsuche. Und nach 18 erfolglosen Monaten beschliesst er, die besser qualifizierten Mitbewerber aus dem Weg zu räumen. No other choice, also keine andere Wahl, ist die Handlungsmaxime, nach der Man-su handelt. Und der Film schafft es, die Ausweglosigkeit der Hauptfigur so zu schildern, dass man sie bei ihrem blutrünstigen Plan fast etwas anfeuert. Immerhin ist die Angst, die Man-su antreibt, eine, die alle gut nachvollziehen können. Es ist die Angst um die eigene Existenz und die finanzielle Sicherheit der Familie. Verhandelt werden aber auch neuere Ängste, wie etwa das Verschwinden der Industrie, in der man berufstätig ist (im Fall von Man-su der Rückgang von Papier), oder das Obsoletwerden der eigenen Arbeitskraft durch Modernisierungen und künstliche Intelligenz.


Jobsuche ist Überlebenskampf. Diese Beobachtung macht sich der Film zunutze und nimmt sie ganz wörtlich. Das Ergebnis ist eine schwarze Komödie der ganz besonderen Art. Denn Man-su ist kein kaltblütiger Killer. Ganz im Gegenteil, er ist ein lausiger Mörder. Angetrieben wird er von einer tiefen Unsicherheit, dass er ohne Einkommen als Ehemann und Vater nichts mehr tauge. Durch seine Kündigung sieht er sich in seiner Männlichkeit kompromittiert, sodass er bisweilen sogar vermutet, seine sehr unterstützende Ehefrau schlafe mit ihrem Tennislehrer. Doch genau wegen dieser Makel sehen wir Man-su gerne zu, wie er höchst dilettantisch sein Vorhaben umsetzt. Seine Unsicherheit und Verzweiflung wird dabei komödiantisch wunderbar von Lee Byung-huns Mimik eingefangen.



Park Chan-wook versucht mit No Other Choice ein Genre-Kunststück: teils Thriller, teils Gesellschaftssatire, teils schwarze Komödie. Diese Balance gelingt mal besser, mal schlechter. Der Film braucht etwas gar lange, bis die Handlung ins Rollen kommt. Dadurch wirkt das Produkt am Ende etwas halbgar. Man bekommt viel angeboten, wird aber oft etwas unbefriedigt zurückgelassen. Die schwarze Komödie beginnt zu spät, Thrillerelemente kommen und gehen und die Gesellschaftskritik bleibt oberflächlich.


Nichtsdestotrotz ist No Other Choice ein durch und durch unterhaltsamer Film. Inszenatorisch überrascht Park Chan-wook wieder mit ungewöhnlichen Kameraeinstellungen und Schnitten. Für die Academy Awards hat es dieses Jahr allerdings nicht gereicht: Der Film erhielt keine einzige Nomination.


 
 
 
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